Halali und der halbe Hase

Es war Mitte der 1970er-Jahre, als ich mich entschloss - angeregt von Studienkollegen und der bäuerlichen Verwandtschaft meiner Freundin - den Jagdschein zu machen. Ich meldete mich zu einem Lehrgang des zuständigen Kreisjagdverbandes an und fuhr regelmäßig in einen Dorfkrug nicht weit von meiner Wohnung, um dort an der Gruppe grün gekleideter, tatendurstiger Männer unter der Leitung eines sogenannten Hegemeisters teilzunehmen. Aus seinem Munde hörten wir über Waffenkunde, von der Rute des Fuchses, dem Aufbrechen des Wildes und dem Anrecht aufs Geräusch und vieles Sonderbare mehr. Wir büffelten die Jagd- und Schonzeiten, übten das Ansprechen des Damschauflers und am Wochenende das Schießen beim Tontaubentraining. Zum Ende des Lehrgangs hin überraschte unser jagdlicher Lehrer uns mit einer ehrenvollen Einladung zur hochherrschaftlichen Drückjagd auf einem der schleswig-holsteinischen Güter mit viel Wald. Wir sogenannten Jungjäger sollten dort die Sauen aus den Gehölzen drücken, an deren Rändern der schleswig-holsteinische Landadel auf seinen Schuss lauerte.

Bereits vor Sonnenaufgang war unser Treffen auf dem Gutshof des ‚Grafen Von und Zu’ angesagt. Grün berockte Männer mit und ohne Schießwerkzeuge und ebenfalls in Grünmode des neuesten Kettler-Kataloges gekleidete, aber unbewaffnete Damen standen bereits plaudernd in kleinen Gruppen herum, ohne uns Fußvolk weiter zu beachten. Mehrere VW-Busse und Allrad-Geländewagen, aber auch mehrere Traktoren mit Anhängern, auf denen Reihen von Strohballen zum Sitzen lagen, warteten auf uns. Mit dem Hellerwerden setzte Nieselregen ein.

Nach und nach trafen weitere Büchsenträger in Oberklasse-PKWs mit Stern ein. Das muntere Begrüßen und Parlieren des Landadels ließ die gewisse Spannung erahnen, die der menschlichen Jagdlust zugrunde liegt, von der wir Jungjäger, die noch nie Gelegenheit gehabt hatten, einen kapitalen Hirsch mit einem sauberen Blattschuss niederzustrecken, nur träumen konnten. Zu uns herüberfliegende Satzfetzen gaben Zeugnis vom Bevorstehen eines gesellschaftlich wirklich bedeutenden Ereignisses, das offenbar sehr strengen Regeln unterlag.

Als Letzter betrat ein hochgewachsener, sehr leger grüngekleideter Porschefahrer von vielleicht Anfang 30 die gesellschaftliche Bühne. Sein Erscheinen steigerte die allgemeine Erregung, nicht nur bei einigen Damen, sondern auch bei den Männern. Die aufgeschnappten Satzfetzen ließen mich schlussfolgern, dass man ihn lange nicht gesehen hatte und er frisch aus den USA zurückgekehrt war. Aber - anders als bei den Damen - war bei den männlichen Jagdgenossen weniger die Person selbst der Grund des Interesses, sondern seine Waffe - vermutlich eine amerikanische Winchester großen Kalibers, jedenfalls mit einem zum Durchladen nach unten zu ziehenden Bügel, so wie man es aus Westernfilmen kennt. Die Männer umringten ihn, jeder wollte die bewunderte Büchse einmal in die Hand nehmen. Einige besonders Begeisterte legten sie an die Wange und zielten auf fiktive Tötungsobjekte in den umliegenden Bäumen. ‚So ähnlich muss es Old Shatterhand mit seinem Bärentöter auch gegangen sein,’ dachte ich, ‚nur hat dieser seine Waffe nie aus der Hand gegeben’.

Der gräfliche Hausherr, deutlich erkennbar am vergleichsweise höchsten Erregungsgrad und noch höherer Stimme, musste erst eindringlich an das eigentliche Ziel des Zusammenseins erinnern, um endlich in den bevorstehenden Ablauf der Jagd einweisen zu können, was wir Jagdknechte jedoch nur aus gebührendem Abstand hören durften. Erst später wurden wir aus zweiter Hand von unserem Lehrjäger mit den genauen Aufgaben und unserem Ausgangspunkt vertraut gemacht und noch einmal auf die jagdlichen Regeln als Treiber hingewiesen.

Nachdem alle Jagdgenossen ihre Aufgaben und anhand einer Karte ihre Standorte und Tötungszuständigkeiten erhalten hatten, holten auch die restlichen ihre Büchsen aus den Fahrzeugen und versammelten sich wieder, wobei der amerikanische Schönling anerkennend in die Mitte genommen wurde und unter den anerkennenden Blicken der Anderen noch zu wachsen schien.

Nach dem Ertönen des Jagdhornsignals ‚Aufbruch zur Jagd‘ begab man sich zu den Bussen und Geländefahrzeugen, während die Damen sich ins nahe Schloss zurückzogen. Wir Jungjäger und einige andere, wohl bäuerliche Treiber und auch ein paar Hundeführer durften auf den inzwischen kräftig vom Regen durchfeuchteten Strohballen der Traktoranhänger Platz nehmen. Bei dieser Gelegenheit biss sich noch schnell ein Terrier im Ohr eines vorüber laufenden Dackels fest und konnte nur durch den brachialen Einsatz von 6 würgenden, biegenden und ziehenden Männerhänden dazu veranlasst werden, den heftig jaulenden Artgenossen wieder loszulassen. Das ergab genug Gesprächsstoff für die feuchte und ruckelige Fahrt über Feld- und Waldwege, den Bussen hinterher, die inzwischen die - damals noch nicht wie heute wegen zahlloser Jagdunfälle mit neonfarbenen Westen bekleideten - Jäger auf ihren Posten verteilt hatten.

Unter der Anleitung unseres Lehrgangleiters mussten wir auf das Signal ‚Anblasen des Treibens‘ hin im stärker werdenden Regen ein Waldstück und Gebüsch nach dem anderen langsam und lärmend in Linie durchkämmen. Immer wieder zeigten uns Schüsse, dass offenbar ein von uns aufgescheuchtes Tier einem anstehenden Jäger vor das Rohr gekommen war. Immer wieder formierten wir uns unter den Rufen des Hegemeisters neu. Selbst das dichteste Gebüsch wurde nicht umgangen, sondern gebückt durchkrochen, um den Abstand zwischen den Treibern nicht zu groß werden zu lassen und dem versteckten oder flüchtenden Wild keinen Durchbruch nach hinten zu gestatten.

‚Hätte ich doch nur auf meine Freundin gehört!’ dachte ich immer wieder. Sie hatte mir in weiblicher Voraussicht geraten, doch meine alte Gartenarbeitskleidung anzuziehen. Doch jetzt waren, als endlich das Signal ‚Jagd vorbei Halali‘ ertönte, meine ziemlich gute Jeans und mein erst vor einer Woche neu gekaufter Parka völlig durchnässt und mehr von Erde und den Grünalgen der Gebüsche verdreckt als meine alten Arbeitsklamotten. Die Sachen waren schlichtweg ruiniert und ich von Zweigen zerkratzt, deprimiert und hungrig. Außer dass ich ein paar durchs Holz brechende Tiere gehört hatte, war mir kein einziger Saubürzel zu Gesicht gekommen. Wir saßen auf die inzwischen pitschnassen Ballenanhänger auf und wurden zurück zum Schloss gefahren, um dort etwas abseits auf dem Rasen einen Teller heiße Erbsensuppe zu schlürfen, während der Jagdadel sich im Krug zum Wildbratenessen traf.

Doch halt, etwas habe ich fast vergessen: Zuvor versammelten wir uns  zum Verblasen der Strecke, gemeinsam mit den wieder herbeigeholten Jagddamen, aber doch deutlich getrennt nach Jägern und Fußvolk. Das erlegte Wild - fast nur Säue und ein halber Hase - war in Reih und Glied neben einem Lagerfeuer auf Tannenzweigen gebettet. Jemand hielt eine kurze Ansprache und dankte allen Beteiligten - also wohl auch dem Wild -, bevor dann die Jagdhörner zum ‚Sau tot’, ‚Hase tot‘ und ‚Halali’ erklangen.

Der Amerika-Heimkehrer fiel mir erneut auf, aber jetzt war er nicht mehr Mittelpunkt der Gesellschaft. Er machte eher einen etwas deprimierten Eindruck. Offenbar war Göttin Fortuna auf die adeligen Damen eifersüchtig geworden und hatte ihm arglistig seinen jagdlichen Mordsspaß verdorben. Statt einer mächtigen Wildsau hatte sie ihm einzig einen armen kleinen Hasen vor seine Winchester geführt, von dem das Großwildkaliber nur noch das Vorderteil mit ein paar daran hängenden Hautfetzen übrig gelassen hatte. Old Shatterhand hätte dem jungen Winchesterfreund sicher auf der Stelle seinen berühmten K.o.-Faustschlag versetzt.

Auch bei mir wollte kein richtiges Mitleid mit ihm aufkommen. Ich habe seither nie wieder an einer Jagd - weder hochherrschaftlich noch gemein, weder als Büchsenbesitzer noch als Jagdknecht - teilgenommen und trage meine Jeans und grünen Parkas jetzt etwas länger.

 

© Ulrich Jüdes/30.12.2015