Was ist Liebe?

Zu einem buddhistischen Mönch, der für seine große Weisheit bekannt war, kam einmal eine junge Frau und bat ihn um Rat.

Sie fragte ihn: „Bhante, seit über einem Jahr habe ich einen Freund, den ich sehr mag. Nun will er mich heiraten, aber ich bin mir nicht ganz sicher. Kannst du mir sagen, was ich tun soll?”

Der Mönch antwortete: „Das hängt ganz davon ab, ob du deinen Freund nur magst oder ob du ihn wirklich liebst.”

„Ja, das weiß ich eben nicht!” sagte sie.

Der Mönch sprach: „Ich möchte dir den Unterschied an einem Beispiel deutlich machen. … Stell dir einmal vor, in deinem Garten hat sich im Gemüsebeet eine fremde Blume mit ganz dicken Blütenknospen entwickelt. Eine Knospe ist sogar schon etwas aufgegangen, so daß du erahnen kannst, daß diese Pflanze wohl die allerschönsten Blüten hat, die du je gesehen hast.”

Nach einer kleinen Pause fuhr er fort: „Wenn du nur ihre Blüten magst, wirst du diese Blume vielleicht abschneiden, um sie dir zuhause in die Vase zu stellen, oder sie in deinem Garten an einen anderen Platz, der dir besser gefällt, umpflanzen. Wenn du die Pflanze jedoch liebst, wirst du sie weder abschneiden noch ausgraben, sondern dort wachsen lassen, wo sie gerade steht. Wie ein guter Gärtner wirst du sie behüten, sie bei Trockenheit mit Wasser versorgen und sie vielleicht sogar düngen, damit sich alle Knospen zu gleichermaßen prächtigen Blüten entfalten können. Und du wirst dabei immer wieder deine Freude an den schönsten Blüten der Welt haben. Du wirst darauf achten, daß auch die Insekten die wunderbaren Blüten ungestört besuchen können, damit diese schließlich Samen tragen und die wertvolle Pflanze dort weiter vermehren können, wo der Boden offensichtlich günstig für sie ist und es ihr daher gut geht. ”

Der weise Mönch schwieg nun einen Moment, um zu prüfen, ob seine Worte angekommen waren.

Die Frau schaute ihn erstaunt an und sagte nachdenklich: „Danke, Bhante, jetzt weiß ich was Liebe ist. Über meinen Freund und mich muß ich aber noch weiter nachdenken.”

Der Mönch lächelte gütig und wissend, daß dieser Unterschied nicht immer leicht zu erkennen ist, wenn man nicht weise ist.

Daher beendete er seinen Rat mit folgenden Worten: „Du weißt, der Buddha hat gelehrt, daß ein persönliches Ich eine Illusion unseres Geistes ist. Viele glauben, dieses Ich hilft ihnen, ihren Alltag gut zu meistern, aber in Wirklichkeit behindert es sie nur. Jeder ist frei, jeden Tag und jede Stunde neu zwischen der schönen Blume und dem guten Gärtner zu wählen.”

Die junge Frau verbeugte sich drei Mal tief, so wie es bei Weisen üblich ist, und schritt nachdenklich von dannen.

© Ulrich Jüdes/30.10.2015