Der Schreiber

 

 Ein eitler Schreiber tritt zum Pult
und lähmt dort endlos die Geduld
des Publikums, das müde gähnt,
doch er sich sehr als Dichter wähnt.

Reiht eifrig sinnlos Wort an Wort
und läßt dabei den Reim ganz fort,
weil ja in uns’rer freien Welt
der Mensch nichts mehr von Formen hält.

Bisher er nur in Prosa schrieb,
was leider ohne Leser blieb,
nun baut er’s um zu `nem Gedicht
und glaubt, der Hörer merkt es nicht.

Sein Unterschied zur Prosa ist,
daß er den Satzbau ganz vergißt;
auch Zeichensetzung ist nicht wichtig,
im Gedicht erscheint ihm alles richtig.

Vom Inhalt her, so ist zu sagen,
kann ein Poet wohl alles wagen,
romantisch, melancholisch, auch empört;
Kunst ist, was and're Seelen rührt.

Der Schreiber ganz beim Thema Liebe
und was von ihr noch übrig bliebe,
wenn nur der Kopf die Welt regierte
und Amor nicht den Mensch’ verführte.

Doch wie auch oft im Liebesleben,
so geht sein Schreiben sehr daneben,
Langeweile immer dann entsteht,
wenn Berührung nicht in die Tiefe geht.

Zu schlicht erscheint des Schreibers Schreiben,
bei dem Form und Tiefgang draußen bleiben.
Echte Dichterschaft ist erst gegeben,
wenn Inhalt kommt durch Form zum Leben.

© U.J.