Das streitende Paar

Zu einem buddhistischen Mönch, der für seine große Weisheit bekannt war, kam einmal aus einer weit entfernten Stadt ein Ehepaar und bat ihn um Rat für sich.

Sie sagten: “Bhante, wir leben nun schon fast 10 Jahre zusammen und lieben uns sehr, doch wir streiten uns immerzu und das schon von Anfang an. Dieses ewige Streiten ist auf Dauer so zermürbend. Wir haben immer wieder versucht, das anders hinzubekommen, aber es gelingt uns einfach nicht. Wir möchten uns nicht trennen. … Was können wir tun?”

Der Mönch dachte einen Moment nach und antwortete dann: “Wenn ihr euch wirklich liebt, dann möchtet ihr doch sicher, daß es zwischen euch gerecht zugeht?”

Beide stimmten ihm sofort zu.

Dann fragte er weiter: “Habt ihr einen Kalender zuhause?”

Auch das bejahten sie.

“Dann schlage ich euch vor, daß ihr den Namen von einem von euch an allen ungeraden Tagen in den Kalender eintragt und den anderen Namen an allen geraden Tagen. Dann hängt den Kalender an einem zentralen Platz eurer Wohnung auf, so daß ihr immer daran vorbeikommt und ihn täglich sehen könnt.”

Die beiden schauten ihn fragend an.

Der Mönch fuhr fort: “Und dann vereinbart ihr, daß bei einem Streit immer derjenige von euch recht hat, dessen Name an diesem Tag im Kalender steht. Also: an allen ungeraden Tagen hat immer der eine von euch recht und an den geraden Tagen immer der andere. Dabei ist es jeweils völlig egal, worum es im Einzelnen geht. Da dann an jedem Tag klar ist, wer recht hat, braucht ihr euch gar nicht mehr zu streiten.”

Das Paar war erstaunt.

Sie antworteten: “Das ist ja ganz einfach. Wir werden es so tun, wie du uns rätst.”

Der weise Mönch lächelte verschmitzt und fügte hinzu: “Und noch eines …. Das Jahr hat ja mehr ungerade als gerade Tage. Damit es darüber nicht zum Streit kommt, wer an den ungeraden Tagen seinen Namen eintragen darf, schlage ich euch vor, jedes Jahr zu wechseln. Wer im ersten Jahr an den ungeraden Tagen recht hatte, trägt im zweiten Jahr seinen Namen an den geraden Tagen in den Kalender und so weiter.”

Sie bedankten sich herzlich bei dem Mönch und schritten freudig von dannen.

Der Mönch hörte lange nichts mehr von ihnen. Die Monate und Jahre verstrichen, und er hätte sie fast vergessen.

Doch eines Tages - es waren wohl inzwischen fast 30 Jahre vergangen - wurde er von einem jungen Mann aufgesucht, der ihn bat, eine Bestattungszeremonie für seine gerade verstorbenen Eltern durchzuführen.

Der Mann erzählte: “Bhante, es war der ausdrückliche Wunsch meiner Eltern, daß ich  d i c h  darum bitte, denn du hast ihnen vor vielen Jahren sehr geholfen. Ich war damals noch gar nicht geboren. Nun sind sie innerhalb weniger Tage beide gestorben, einer an einem geraden Tag, der andere an einem ungeraden Tag.”

Der Mönch erinnerte sich nun wieder an das streitende Paar, das ihn vor dieser langen Zeit um Rat gebeten hatte.

Er fragte er den jungen Mann: “Wie waren deine Eltern? Wie hast du sie erlebt?”

Dieser antwortete: “Sie waren vorbildliche Eltern. Sie haben mich Ehrlichkeit und Gerechtigkeit gelehrt. Auch wenn sie sehr häufig nicht einer Meinung waren, haben sie sich nie gestritten. Jeder hat die Meinung des Anderen gelten lassen. Wie nach einer geheimnisvollen Regel hat mal der Eine, mal der Andere Recht bekommen, so daß es insgesamt ausgeglichen war. So haben sie gemeinsam all die Jahre bis zu ihrem Ende gelebt, in innerem Frieden und in gegenseitiger Dankbarkeit.”

Der weise Mönch lächelte gütig und nickte in tiefem Mitgefühl.

 

Ulrich Jüdes/27.10.2014 (nach einer Idee von Ajahn Brahm)

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